Dr. Martin Scharf Facharzt für Innere Medizin, Gastroenterologie und Hepatologie, 1060 Wien

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Dr. Jekyll und Mr. Hyde im Magen: Ist Helicobacter pylori auch ein gutes Bakterium?

So referierte Prof. Dr. Siegfried Wagner, Chefarzt der Medizinischen Klinik II, DONAUISAR Klinikum, Düsseldorf, über inverse Assoziationen zwischen einer Helicobacter-pylori-Infektion und Krankheiten wie Asthma, gastroösophagealer Refluxerkrankung (GERD) oder auch Atopien.

„Seit 100.000 Jahren wird das Bakterium im Menschen gefunden“, nannte Wagner die Gründe, warum einige renommierte Wissenschaftler davon ausgehen, dass Helicobacter pyloriauch Vorteile haben muss. „Interessant ist nämlich, dass das Bakterium genetisch eine sehr große Diversität hat, aber innerhalb bestimmter Bevölkerungsgruppen einige Abschnitte so stark konserviert sind, dass man daran sogar die Völkerwanderungen nachvollziehen kann.“

Vier Fünftel der Infizierten bleiben ein Leben lang ohne Symptome

Dass es sich nicht immer um ein gefährliches Bakterium handelt, erkenne man auch an der Tatsache, dass von allen infizierten Menschen 80% ihr Leben lang beschwerdefrei bleiben – im Gegenteil, eine Infektion scheint sogar Vorteile mit sich zu bringen.

In Bezug auf die Refluxerkrankungen zum Beispiel ist eine klar negative Assoziation zwischen H. pylori und dem Barrett-Ösophagus, einer Komplikation der Refluxerkrankung, sowie dem Barrett-Karzinom gezeigt worden. Aus einer Metaanalyse aus dem Jahr 2012 geht hervor, dass H. pylorimit einer 54-prozentigen Reduktion des Barrett-Ösophagus assoziiert ist.

„Zu einem Zusammenhang mit dem Barrett-Karzinom gibt es sogar noch viel mehr Daten“, berichtete Wagner, „Hierzu gab es zwei Metaanalysen aus dem vorvergangenen und dem vergangenen Jahr, die beide zu ganz ähnlichen Ergebnissen kommen, nämlich dass H. pylori zu einer 43- beziehungsweise 44-prozentigen Reduktion von Adenokarzinomen des Ösophagus führt.“

Trotz dieser Assoziationsstudien bleiben Fragen. „Was passiert zum Beispiel, wenn man H. pylori eradiziert?“, fragte Wagner. „Kommt es dann zum Auftreten von Refluxösophagitis oder Refluxsymptomen? Und gibt es Unterschiede bei Patienten mit GERD, Dyspepsie oder auch einem Ulkus?“ Eine in diesem Jahr erschienene Metaanalyse untersuchte Studien, die sich mit genau diesen Fragen beschäftigten, konnte allerdings keine signifikanten Unterschiede im Auftreten der Refluxsymptome oder einer Refluxösophagitis nach Eradikation nachweisen. Es zeigte sich auch kein vermehrtes Auftreten der Grunderkrankungen Ulkus, GERD oder Dyspepsie.

„Die Quintessenz aus diesen Studien ist, dass H. pylori zwar ganz klar assoziiert ist mit vermindertem Auftreten von Barrett-Ösophagus und Adenokarzinom“, resümierte Wagner. Allerdings verursache eine Eradikation auch keine Refluxsymptome und induziere auch nicht direkt eine Refluxerkrankung.

H. pylori hat darüber hinaus keinen Einfluss auf die Motilität, den unteren Ösophagus-Sphinkter und den pH-Wert im Ösophagus. Sein Einfluss in der Pathophysiologie, in die der Säuregehalt des Magens genauso hineinspielt wie Magenhormone und Immunantworten, scheint vielmehr indirekter Art zu sein.

Einerseits kann bei komplizierten Refluxerkrankungen, insbesondere dem Barrett-Ösophagus, die Magensäuresekretion und damit die gastrale Azidität erhöht sein. Andererseits ist aber der negative Zusammenhang zwischen Helicobacter und Barrett-Ösophagus besonders ausgeprägt bei Patienten, bei denen die Azidität des Magens niedriger ist. Daher könnte „das Bakterium bei reduzierter Azidität sozusagen als Säureblocker wirken und auf diese Weise die Refluxerkrankungen verhindern“, stellte Wagner fest.

Widersprüchliche Erkenntnisse bezüglich Asthma

Dass Menschen mit H. pylori seltener unter Asthma leiden, wurde im Laufe der Jahre in mehreren Studien nachgewiesen. „Sie sind zusammengefasst worden in zwei Metaanalysen aus dem Jahr 2013, die ebenfalls beide zu ähnlichen Ergebnissen kamen“, berichtete Wagner. „Demnach existiert ein schwacher, aber signifikant protektiver Effekt, der bei Kindern stärker ist als bei Erwachsenen.“ Bei Kindern reduziert sich das Risiko um 19%, bei Erwachsenen um 11%.

„Es besteht damit eine signifikante, wenn auch eher eine schwache inverse Verbindung“, so Wagner. Hierzu gibt es auch pathophysiologische Modelle. „Das Postulat ist, dass H. pylori in der Kindheit vor einer gesteigerten Th2-Antwort, die als Auslöser von Asthma gesehen wird, schützen kann.“

Gegen die Theorie, dass H. pylori Asthma entgegenwirken könnte, sprechen allerdings epidemiologische Beobachtungen. So tritt Asthma in Gegenden, in denen das Bakterium seltener auftritt, wie zum Beispiel in Malaysia, deswegen nicht häufiger auf. Zudem wurde in England im vergangenen Jahrzehnt ein Rückgang von Asthma bei Kindern beobachtet – und zwar in allen sozioökonomischen Schichten. Da H. pylori jedoch in den oberen Schichten seltener auftritt, müsste, falls das Bakterium vor Asthma schützt, die Erkrankung vor allem in den unteren Schichten abnehmen. „Hier spricht die Epidemiologie gegen das Modell.“

Gesichert bleibt also vor allem die klar inverse Assoziation von Helicobacter pylori mit bestimmten Erkrankungen. Und dass noch viel Forschungsarbeit vonnöten ist, um die Hypothese vom guten Bakterium zu belegen (Medscape, 11/2015).

Helicobacter pylori begleitet den Menschen seit 100 000 Jahren durch die Evolution. Es gibt gesicherte Indikationen, wann Helicobacter pylori eradiziert werden sollte; in allen nicht gesicherten Indikationen, sollten Arzt und Patient vor einer Behandlung über mögliche Vorteile und Nachteile der antibiotischen Behandlung diskutieren.

Die Gastroskopie (Magenspieglung) ist jedenfalls die Standardmethode zur Abklärung unklarer Beschwerden im Oberbauch, von Refluxbeschwerden und Eisenmangel/Blutarmut

(Dr. Martin Scharf).